Nattokinase – proteolytisches Enzym aus fermentierten Sojabohnen
Was ist Nattokinase?
Nattokinase ist ein eiweißspaltendes Enzym aus Natto, einem traditionellen japanischen Lebensmittel aus fermentierten Sojabohnen. Es wird während der Fermentation durch das Bakterium Bacillus subtilis var. natto gebildet.
Biochemisch gehört Nattokinase zu den Serinproteasen. Diese Enzyme können bestimmte Eiweißstrukturen spalten. Besonders untersucht wurde die Wirkung auf Fibrin – ein Protein, das bei der Blutgerinnung und der Bildung von Blutgerinnseln eine wichtige Rolle spielt.
Die Aktivität von Nattokinase wird meistens in fibrinolytischen Einheiten, abgekürzt FU, angegeben. Die FU-Zahl beschreibt die Enzymaktivität und lässt sich nicht unmittelbar in Milligramm umrechnen. Präparate mit der gleichen Milligrammmenge können deshalb eine unterschiedliche enzymatische Aktivität besitzen.
Wie kann Nattokinase wirken?
Unterstützung der Fibrinolyse
Die Fibrinolyse ist der körpereigene Prozess, mit dem Fibrin und Blutgerinnsel wieder abgebaut werden. Nattokinase kann Fibrin unter Laborbedingungen direkt spalten. Darüber hinaus werden weitere Wirkmechanismen diskutiert:
- direkte Spaltung von Fibrin
- mögliche Hemmung des Plasminogen-Aktivator-Inhibitors PAI-1
- Unterstützung der körpereigenen Freisetzung von Gewebe-Plasminogenaktivator, kurz tPA
- Beeinflussung verschiedener Gerinnungsfaktoren
- mögliche Verringerung der Blutplättchenaggregation
In einer kleinen, randomisierten Crossover-Studie mit zwölf gesunden Männern führte eine einmalige Einnahme von 2.000 FU zu vorübergehenden Veränderungen von D-Dimeren, Fibrinabbauprodukten, Faktor VIII, Antithrombin und aktivierter partieller Thromboplastinzeit. Sämtliche Messwerte blieben jedoch innerhalb des Normalbereichs. Kurosawa et al., Scientific Reports 2015
Diese Befunde zeigen eine biologische Wirkung auf das Gerinnungs- und Fibrinolysesystem. Ob dadurch bei Patienten tatsächlich weniger Thrombosen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle auftreten, ist bisher nicht ausreichend durch klinische Endpunktstudien belegt.
Mögliche Wirkung auf den Blutdruck
Für die blutdrucksenkende Wirkung liegen mehrere randomisierte Untersuchungen vor. Eine Metaanalyse von sechs Studien mit insgesamt 546 Teilnehmern ergab gegenüber den jeweiligen Kontrollgruppen eine durchschnittliche Senkung um:
- 3,45 mmHg beim systolischen Blutdruck
- 2,32 mmHg beim diastolischen Blutdruck
Der Effekt ist somit eher gering und kann eine erforderliche medikamentöse Blutdruckbehandlung nicht ersetzen. Metaanalyse randomisierter Studien, 2023
In einer einzelnen placebokontrollierten Untersuchung erhielten Patienten mit erhöhtem Blutdruck acht Wochen lang 2.000 FU Nattokinase täglich. In dieser Studie wurde eine etwas stärkere Blutdrucksenkung beobachtet. Kim et al., Hypertension Research
Mögliche Wirkung auf Blutfette und Gefäßablagerungen
Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine 2022 veröffentlichte Untersuchung mit 1.062 Teilnehmern. Die Patienten hatten erhöhte Blutfettwerte; bei 683 Personen bestanden außerdem Ablagerungen im Bereich der Halsschlagadern.
Über zwölf Monate erhielten:
- 1.001 Teilnehmer 10.800 FU Nattokinase täglich
- 61 Teilnehmer 3.600 FU täglich
Bei der höheren Dosierung wurden folgende durchschnittliche Veränderungen berichtet:
- Triglyzeride: minus 15,7 %
- Gesamtcholesterin: minus 15,9 %
- LDL-Cholesterin: minus 18,1 %
- HDL-Cholesterin: plus 15,8 %
- Intima-Media-Dicke der Halsschlagader: minus 21,7 %
- gemessene Plaquefläche: minus 36 %
Die Dosierung von 3.600 FU pro Tag zeigte dagegen keine vergleichbare Wirkung. Das verwendete Präparat enthielt 3.600 FU pro Tablette. Die höhere Dosis entsprach somit drei Tabletten beziehungsweise 10.800 FU pro Tag. Chen et al., Frontiers in Cardiovascular Medicine 2022
Diese Ergebnisse müssen jedoch vorsichtig interpretiert werden. Es handelte sich um eine rückblickende Vorher-nachher-Auswertung und nicht um eine randomisierte, placebokontrollierte Studie. Einige Teilnehmer nahmen zusätzlich Vitamin K2 oder Acetylsalicylsäure ein. Außerdem waren mehrere Autoren bei dem Unternehmen beschäftigt, das das untersuchte Nattokinasepräparat herstellte.
Eine methodisch hochwertigere, randomisierte und placebokontrollierte Langzeitstudie mit 265 Teilnehmern fand bei 2.000 FU täglich über durchschnittlich drei Jahre keine signifikante Wirkung auf Gefäßwanddicke, Gefäßsteifigkeit, Blutdruck oder Laborparameter. Nattokinase Atherothrombotic Prevention Study
Die derzeitigen Ergebnisse sprechen daher für ein mögliches Dosissignal, beweisen aber noch nicht, dass höhere Dosen eine Gefäßverkalkung zuverlässig zurückbilden.
Nattokinase und Spike-Protein
In Zellkulturversuchen konnte Nattokinase verschiedene Bestandteile des SARS-CoV-2-Spike-Proteins dosis- und zeitabhängig abbauen. Auch Spike-Protein auf der Oberfläche kultivierter Zellen wurde in diesen Versuchen reduziert. Tanikawa et al., Molecules 2022
Dabei handelt es sich um Laborergebnisse. Bisher wurde nicht nachgewiesen, dass oral eingenommene Nattokinase beim Menschen Spike-Protein im Blut oder im Gewebe in klinisch relevantem Umfang abbaut. Ebenso fehlen kontrollierte Therapiestudien, die eine Besserung von Long COVID oder Beschwerden nach einer Impfung durch Nattokinase belegen.
Die Laborbefunde sind daher als interessanter Forschungsansatz zu verstehen, nicht als gesicherter Wirksamkeitsnachweis.
Nattokinase und fibrinaloide Mikrogerinnsel
Bei Long COVID und anderen Erkrankungen werden sogenannte fibrinaloide oder amyloidartige Mikrogerinnsel diskutiert. In Laborversuchen konnte rekombinante Nattokinase solche Strukturen teilweise abbauen.
Ob die nach einer Einnahme im menschlichen Organismus erreichte Enzymaktivität dafür ausreicht, ist nicht bekannt. Klinische Studien, in denen vor und nach einer Nattokinasebehandlung die Belastung mit Mikrogerinnseln gemessen wurde, fehlen bislang.
Nattokinase und Amyloid
Nattokinase kann unter Laborbedingungen verschiedene amyloidartige Proteinstrukturen angreifen. Dazu gehören unter anderem:
- Beta-Amyloid 40 und 42
- amyloidartige Insulinfibrillen
- Prionpeptid-Fibrillen
- Beta-2-Mikroglobulin-Fibrillen
Für einzelne Fragestellungen liegen zusätzlich Tierexperimente vor. Daraus kann jedoch noch keine nachgewiesene Behandlung von Alzheimer, Amyloidose oder anderen neurodegenerativen Erkrankungen abgeleitet werden. Es ist insbesondere nicht geklärt, ob oral eingenommene Nattokinase das Gehirn in ausreichend aktiver Form erreicht.
Welche Dosierung wurde untersucht?
In klinischen Studien wurden unterschiedliche Dosierungen verwendet:
- 2.000 FU einmalig: Untersuchung akuter Veränderungen von Gerinnungs- und Fibrinolyseparametern
- 2.000 FU täglich über acht Wochen: in einzelnen Studien geringe Blutdrucksenkung
- 2.000 FU täglich über durchschnittlich drei Jahre: keine Wirkung auf das Fortschreiten einer subklinischen Atherosklerose
- 3.600 FU täglich über zwölf Monate: in der retrospektiven Studie keine deutliche Wirkung auf Blutfette oder Gefäßablagerungen
- 6.000 FU täglich über 26 Wochen: in einer kleineren Studie Rückgang der Plaquefläche; Vergleich mit Simvastatin, jedoch ohne Placebogruppe
- 10.800 FU täglich über zwölf Monate: positive Veränderungen von Blutfetten, Intima-Media-Dicke und Plaquefläche in einer retrospektiven Studie
Eine allgemein anerkannte optimale therapeutische Dosierung existiert bislang nicht. Insbesondere die höheren Dosierungen von 6.000 bis 10.800 FU täglich sind wesentlich schlechter durch kontrollierte Sicherheitsstudien abgesichert als Dosierungen um 2.000 FU.
Die genannten Mengen sind Studien-Dosierungen und keine pauschale Einnahmeempfehlung. Die individuell geeignete Dosierung muss unter Berücksichtigung der Vorerkrankungen, Blutungsrisiken, Begleitmedikation und Produktqualität festgelegt werden.
Mögliche Nebenwirkungen
Nattokinase wurde in kleineren Studien meistens gut vertragen. Aufgrund ihrer Wirkung auf Fibrinolyse und Gerinnung können jedoch insbesondere folgende unerwünschte Wirkungen auftreten:
- verstärkte Neigung zu blauen Flecken
- Nasen- oder Zahnfleischbluten
- verlängerte Blutungszeit bei Verletzungen
- stärkere Menstruationsblutung
- Blutdruckabfall mit Schwindel oder Schwäche
- gelegentliche Magen-Darm-Beschwerden
- allergische Reaktionen bei einer Sojaunverträglichkeit
Das wichtigste mögliche Risiko sind innere Blutungen, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme weiterer gerinnungshemmender Substanzen.
Ein Fallbericht beschreibt eine Hirnblutung nach der zusätzlichen Einnahme von Nattokinase bei einer Patientin, die bereits Acetylsalicylsäure einnahm und zerebrale Mikroblutungen aufwies. Ein einzelner Fall beweist keinen allgemeinen Zusammenhang, verdeutlicht jedoch das mögliche additive Blutungsrisiko. Fallbericht zur Kombination mit ASS
Wechselwirkungen und Vorsichtsmaßnahmen
Nattokinase sollte nicht ohne ärztliche Rücksprache mit folgenden Medikamenten kombiniert werden:
- Acetylsalicylsäure, beispielsweise ASS 100
- Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor
- Marcumar beziehungsweise Phenprocoumon
- Warfarin
- Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban oder Dabigatran
- Heparin und niedermolekulare Heparine
- andere Nahrungsergänzungsmittel mit gerinnungshemmender Wirkung
Bei Präparaten aus Natto muss außerdem beachtet werden, ob sie Vitamin K2 enthalten. Vitamin K2 kann die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin beeinflussen. Nattokinasepräparate ohne Vitamin K2 sind davon zu unterscheiden.
Besondere Vorsicht ist geboten bei:
- bestehenden Blutgerinnungsstörungen
- bekannten Magen- oder Darmgeschwüren
- früheren Hirnblutungen oder zerebralen Mikroblutungen
- kürzlich erfolgten Operationen oder Verletzungen
- geplanten Operationen, Zahnextraktionen oder invasiven Untersuchungen
- starkem oder schlecht eingestelltem Bluthochdruck
- gleichzeitiger Einnahme blutverdünnender Medikamente
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Kindern und Jugendlichen
Vor einer geplanten Operation sollte Nattokinase rechtzeitig und nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt abgesetzt werden.
Nattokinase ersetzt keine gerinnungshemmenden Medikamente
Nattokinase darf nicht als Ersatz für eine ärztlich verordnete Antikoagulation verwendet werden. Dies gilt besonders nach Thrombosen, Lungenembolien, bei Vorhofflimmern oder bei mechanischen Herzklappen.
In einem veröffentlichten Fall ersetzte ein Patient nach mechanischem Aortenklappenersatz Warfarin eigenständig durch Nattokinase. In der Folge entstand ein Thrombus an der künstlichen Herzklappe, der eine erneute Operation erforderlich machte. Fallbericht zum Ersatz von Warfarin
Für wen könnte Nattokinase infrage kommen?
Nattokinase kann nach individueller ärztlicher Beurteilung als ergänzende Maßnahme diskutiert werden, beispielsweise bei erhöhtem kardiovaskulärem Risiko oder leicht erhöhtem Blutdruck. Voraussetzung ist, dass keine relevanten Blutungsrisiken oder problematischen Wechselwirkungen bestehen.
Vor einer Anwendung sollten insbesondere folgende Punkte geprüft werden:
- aktuelle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel
- Blutungs- und Thrombosevorgeschichte
- Blutdruck
- Blutbild und Thrombozytenzahl
- Leber- und Nierenfunktion
- gegebenenfalls Gerinnungsparameter
- Zusammensetzung und deklarierte FU-Aktivität des Präparats
Ob eine Einnahme im individuellen Fall sinnvoll ist und welche Dosierung vertretbar erscheint, sollte in einem persönlichen ärztlichen Gespräch geklärt werden.
Zusammenfassung
Nattokinase ist ein biologisch aktives Enzym mit nachweisbaren Wirkungen auf Fibrinolyse und Gerinnungsparameter. Eine geringe Blutdrucksenkung wird durch mehrere randomisierte Untersuchungen gestützt. Hinweise auf eine Verbesserung von Blutfetten und Karotisplaques bei höheren Dosierungen sind interessant, beruhen jedoch überwiegend auf nicht placebokontrollierten Daten.
Der Abbau von Spike-Protein, fibrinaloiden Mikrogerinnseln und Amyloid wurde bisher vor allem im Labor beziehungsweise in Tiermodellen untersucht. Ein entsprechender klinischer Nutzen beim Menschen ist noch nicht belegt.
Aufgrund der möglichen gerinnungshemmenden Wirkung sollten insbesondere Kombinationen mit Blutverdünnern sowie höhere Dosierungen nur unter ärztlicher Begleitung erfolgen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung.