Geschichte der hyperbaren Sauerstofftherapie
Im Jahr 1662 baute der britische Geistliche und Naturphilosoph Nathaniel Henshaw eine der ersten Überdruckkammern, das sogenannte „Domicilium“.
Er konnte noch keinen reinen Sauerstoff einsetzen – dieser wurde erst 1774 von Joseph Priestley entdeckt.
Henshaw arbeitete lediglich mit Druckluft. Seine Idee war jedoch revolutionär: Krankheiten könnten durch Veränderung des Luftdrucks beeinflusst werden.
Ein wissenschaftlicher Nachweis fehlte damals noch – die Methode geriet wieder in Vergessenheit.
Mit der Entwicklung von Kompressoren und Metallkammern erlebte die Drucktherapie im 19. Jahrhundert eine Renaissance. In Frankreich setzte der Chirurg Paul Bert sich intensiv mit den physiologischen Wirkungen von Sauerstoff unter Druck auseinander.
Er gilt als einer der Väter der modernen Tauchmedizin. Seine Forschungen zeigten erstmals systematisch: Hoher Sauerstoffdruck erhöht die Sauerstofflösung im Blutplasma erheblich. Dies kann Gewebe auch ohne Hämoglobinversorgung versorgen.
Ein entscheidender Wendepunkt kam im 20. Jahrhundert. In den 1930er–1950er Jahren wurde HBOT vor allem zur Behandlung von:
- Tauchunfällen (Dekompressionskrankheit)
- Kohlenmonoxidvergiftungen
- Gasbrand (Clostridien-Infektionen)
eingesetzt.
Der niederländische Chirurg Ite Boerema zeigte in den 1950er Jahren eindrucksvoll, dass Operationen zeitweise sogar mit rein plasmatisch gelöstem Sauerstoff möglich waren.
Er prägte den berühmten Satz: „Life without blood is possible — if oxygen under pressure is supplied.“
Damit war der physiologische Beweis erbracht.
Heute ist die Hyperbare Sauerstofftherapie in vielen Ländern etabliert. Anerkannte Indikationen sind u. a.:
- Dekompressionskrankheit
- Kohlenmonoxidvergiftung
- Chronische Wunden (z. B. diabetischer Fuß)
- Strahleninduzierte Gewebeschäden
- Weichteilinfektionen
- In der Onkologie wird HBOT kontrovers diskutiert. Aktuelle Daten zeigen: Sie stimuliert keine Tumorproliferation. Sie kann möglicherweise die Strahlensensitivität erhöhen. Sie wird vor allem bei Strahlenspätfolgen eingesetzt.
Was im 17. Jahrhundert als spekulative Beobachtung begann, entwickelte sich mit zunehmendem Verständnis von Sauerstoffphysiologie zu einer fundierten medizinischen Therapie.
Von einer luftgefüllten Holzkammer bis zu hochmodernen Drucksystemen mit präziser Sauerstoffkontrolle war es ein Weg von über 350 Jahren – getragen von Physiologen, Tauchmedizinern und Intensivmedizinern.
Quellen:
- Boycott AE, Damant GCC, Haldane JS (1908) The prevention of compressed air illness. J Hyg Camb 8: 342–443
- Boerema I (1960) Life without blood. J Cardiovasc Surg 1: 133–146
- Boerema I, Brummelkamp WH (1960) Behandeling van anaerobe infecties met inademing van zuurstof onder een druk van 3 atmosferen. Ned Tijdschr Geneesk 104: 2548–2550
- Cianci P, Williams C, Lueders H et al. (1990) Adjunctive hyperbaric oxygen in the treatment of thermal burns. An economic analysis. J Burn Care Rehabil 11: 140–143
- Erttmann M, Havemann D (1992) Treatment of gas gangrene. Results of a retro- and prospective analysis of a traumatologic patient sample over 20 years. Unfallchirurg 95: 471–476
- Murphy BP, Harford FJ, Cramer FS (1985) Cerebral air embolism resulting from invasive medical procedures. Treatment with hyperbaric oxygen. Ann Surg 201: 242–245